Eine Musik der Allgegenwart

"Wie kann man Perser sein?" Montesquieus scherzhafte Bemerkung konfrontiert uns mit unserer Sicht des Orients. Angesichts der "gelehrten" Musik einer zeitgenössischen Komponistin aus Japan, treibt uns dieselbe Neugierde zu fragen, ob es einen Japanismus der Komposition gibt. Dabei beginnt man, das Spiel der Unterschiede zu spielen.

Von Keiko Harada könnte man denken, daß sie kein Zuhause besitzt, so sehr trifft es zu, daß sie das ganze Jahr an allen Enden des Planeten anzutreffen ist. Von dieser scheinbaren Fähigkeit zur Allanwesenheit, sollte man eher folgern, daß sie ebensoviele Wurzeln wie Aufenthaltsorte besitzt. Für Keiko Harada lautet die Fragestellung sicherlich: wie eine nomadische Musik schreiben, die sich allen identifizierbaren Kriterien und traditionellen Kulturen entzieht? Diese Leidenschaft, zu entkommen - diese Utopie - ist wahrscheinlich diejenige, welche die meisten Künstler miteinander gemeinsam haben: nämlich, alleine durch den Stil zu existieren. Hier jedoch nimmt diese einen sehr konkreten Zug an: sie will sowohl der Geographie als auch einer historischen Abstammungslinie entkommen.

Ihr Verhältnis zum Schreiben von Musik geht auf die allerersten Jahre ihrer musikalischen Praxis zurück: unweigerlich mußte sie die Stücke, die sie am Klavier studierte, kompositorisch weiterentwickeln, um sie zu verbessern. Der einzige japanische Einfluß, den sie zugibt, geht ebenfalls auf ihre Jugend zurück: die Besuche auf dem heiligen Berg Kôya des Tempels Shingoshu, der monodische Gesang des Shô-Myo, welcher gänzlich von Glissandis bestimmt und durch gewaltige Beckenschläge begleitet wird. In der Tat begegnet man bei Harada einer Ästhetik der ewigen Verschiebung. Eine in ständiger Umformung begriffene Harmonie mit ihren brutalen Eruptionen von Energie, welche durch lang angelegte, in der Schwebe gehaltene Klangfelder in ihrer Wirkung gedämpft werden; dann feinsinnige mikrotonale Melodien, die unseren Sinn für das unendlich Kleine schärfen.

Man begegnet in ihrer Musik aber auch Entladungen einer unbändigen Energie, welche an die vehementesten Augenblicke des Free-Jazz gemahnen, gleichsam Eruptionen inmitten einer kontemplativen Stille, nicht unweit des Klanges des "Art Ensembles of Chicago".

Haradas Arbeiten wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet : dem Music Competition of Japan Awards (1. Preis), dem Ysuda Preis, dem E-Nakamichi Preis (1993), dem Yamaguchi Governor Preis (1995), dem Akutagawa Kompositionspreis für Orchester (2001), dem Preis Kenzo Nakajima (2004) und dem Otaka Preis (2009).

Viele ihrer Kompositionen wurden von führenden Festivals, Ensembles und Solisten in mehreren Ländern in Auftrag gegeben. Sie hat darüber hinaus in über 10 Jahren zahlreiche Werke geschaffen, die in Zusammenarbeit mit Theatern, Ballettensembles und dem Film (55. Filmfestival in Cannes) entstanden sind.

Weitere Aktivitäten ergaben sich durch ihre Mitgliedschaft im Senat des Bundes japanischer Komponisten und als Beraterin für das Musikprojekt im Rahmen des "Tokyo Wonder Site".

Seit 1993 hält unterrichtet sie in Tokio an der Toho Gakuen Musikhochschule und am Tokyo College of Music Komposition.

Zwei Portrait CDs mit Werken Keiko Haradas wurden seit 2001 veröffentlicht. (Cypres, Belgien und Fontec, Japan)

Keiko Harada

Keiko Harada, Komponistin